Vom Heilen und Wachsen

Ein Porträt über Merle Zirk

Im vergangenen Sommer sehe ich Merle zum ersten Mal. Wir sind zu Gast bei Sophia Hoffmanns veganem Barbecue. Zwei unter vielen. Sie sitzt am anderen Ende der Bierbank und ich habe ihre Geschichte vage in Erinnerung. Trotz ihrer zierlichen Figur strahlt sie eine unglaubliche Kraft aus und ich weiß, dass ich irgendwann einmal mit ihr sprechen werde.

Heute, ein halbes Jahr später, ist es soweit. Ich treffe Merle im Soham, der Yogakantine des Jivamukti Studios in München. Als sie zur Tür rein kommt, strahlt sie. Wir umarmen uns, suchen uns einen Tisch. Sie ist heiser und bestellt einen Salbei-Tee. Merle ist das erste Mal seit ihrer Diagnose krank. Eine Erkältung, die sie tierisch nervt. Aber eine Erkältung ist nichts gegen ihre Krankheit Krebs. Das böse K-Wort.  Im Alter von 30 Jahren sitzt sie im grell erleuchteten  Krankenhausflur und wartet auf das Ergebnis ihrer Untersuchung: „Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium“, heißt es und weiter: „Es sei ernst, man müsse schnell operieren.“ Merle registriert, aber versteht nicht. Sie ruft ihre Mutter an, die einst selbst den Krebs besiegte – sie macht ihrer Tochter Mut, aber Merle begreift nicht wofür. Da sind doch nur diese diffusen Schmerzen im Unterleib. „Krebs? Wie jetzt? Wirklich ich?“

Drei Jahre sind seit dem vergangen. Drei Jahre um zu realisieren, zu heilen und zu wachsen. Den Krebs bezeichnet Merle als ihren Guru, er hat ihr neue Wege geebnet. Sie kann selbst kaum glauben, was in den letzten Jahren passiert ist, unzählige Menschen hat sie kennen gelernt, lebt heute bewusst und ernährt sich vegan. Ihre neue Ernährungsweise ist ausschlaggebend für ihre Gesundheit und ihre Kraft. Hausieren geht sie damit aber nicht, nur wenn jemand wirklich Interesse hat, erklärt sie sich. Zwar ernährte sich die Schweinfurterin schon vor der Krebserkrankung vegetarisch, lebte aber ein hektisches Leben als Fernsehredakteurin. Sie reiste um die Welt, immer gut gelaunt, immer mit Menschen um sich herum. Oft blieb da nur Zeit für eine Fertigpizza oder Tütensuppe.

Merle versucht sich zu erinnern, wie es vor der Diagnose war. Welche Gedanken sie hatte, welche Sorgen. Es fällt ihr schwer. „Es ist wie ein anderes Leben. Als lägen über 30 Jahre dazwischen“, beschreibt sie es. Wenn sie von der Party-Merle erzählt wird ihre Stimme weicher und leiser, sie kneift das rechte Auge zusammen während sie überlegt. Auf ihrem Blog hat sie einen Brief an die alte Merle geschrieben. Cancerversary nennt sie ihn. Sie gibt so ihrem früheren Ich Vertrauen und Hoffnung in sich selbst und in die Zukunft. Die Tränen fließen dabei. „Ich glaube, das ist es“, sagt Merle dann und weiter: „Alle Entscheidungen liegen bei uns selbst. Wir sind für uns selbst verantwortlich!“ Deswegen will sie nach der Operation nicht die Verantwortung an der Krankenhausgarderobe abgeben. Sie merkt, wie gut es ihr tut, als sie einfach die Milch weglässt. Die Wassereinlagerungen in ihren Beinen verschwinden fast vollständig, dann lässt sie auch Fisch und Käse weg, kauft keine Fertiggerichte mehr und lässt sich zur ärztlich geprüften veganen Ernährungsberaterin ausbilden. Auf Merles Speiseplan stehen viel frisches Obst und Gemüse, vor allem Smoothies haben es ihr angetan. Sie macht Yoga, meditiert und auf die Frage hin, ob sie glücklich ist, kommt ein spontanes und kräftiges „Ja!“

Trotzdem der Krebs ist immer bei ihr. Merle bezeichnet ihn als einen Kumpel, als feinstofflicher Lehrer, als einen, der immer an ihrer Seite ist. „Manchmal macht er mich traurig, manchmal glücklich, manchmal macht er mir Angst und manchmal fordert er mich heraus“, erzählt sie. Am Tag vor unserem Gespräch hielt sie auf der Ayovega-Messe ihren ersten Vortrag  unter dem Titel „Cancer was my Guru – mein Weg in ein gesundes, glückliches, selbstbestimmtes Leben“ und war verdammt aufgeregt. „Kurz vor Beginn stand ich rum mit Herzrasen und verschwitzten Händen, da kam eine Frau zu mir und sagte mir, dass sie extra wegen mir auf die Messe gekommen ist und nahm mir meine ganze Angst. Sie war wie ein Engel!“ Die frühere Merle hätte das gar nicht wirklich wahrgenommen. Auch achtsamer machte der Krebs sie und er holt sie auf den Boden zurück. Vermeintlich Blödes erscheint jetzt weniger schlimm. So richtig schlimm sind jetzt nur noch die Bilder der Krebszellen für sie. Merle holt ihr Handy aus der Tasche und googelt danach. Sie sehen wirklich furchteinflößend aus, machen die schlimme Seite des Krebses aber auch greifbarer für Merle: „Die Angst ist dann nur kurz da und lässt sich leicht weiterschieben, auch weil ich weiß, dass ich den Krebs im Ernstfall unter Kontrolle haben kann.“ Der Ernstfall wäre ein erneutes Ausbrechen oder Streuen, die Kontrolle erreicht Merle über die vegane Ernährung und eine positive Denkweise –  neue Errungenschaften, geschaffen durch den Krebs.

Neu ist auch der Umgang mit Freunden und Familie. Viele Freunde kamen hinzu, manche von den alten gingen, manche blieben. „Wenn ich versuche mich in meine Freunde hineinzuversetzen, verstehe ich jetzt, dass sie irgendwann wieder in ihren Alltag zurück und mich nicht mehr mit Samthandschuhen anfassen wollten“, erinnert Merle sich. Lange schwang die Krankheit mit und machte sie tiefgründiger. Ewige Dramen wie unglückliche Beziehungen kommen ihr heute wie Lappalien vor. Nicht immer trifft sie den richtigen Ton und macht so manche schmerzliche Erfahrung. Ihre neuen Freunde lernt sie in Yogakursen, auf veganen Messen oder im Internet kennen. Online ist sie auch selbst mit ihrem Blog happygoluckyme.com.

Hier will Merle ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben, bietet Lifecoaching und Retreats für Krebspatienten und ihre Angehörigen an. Mit einer Mischung aus erfrischend sprudelnder Energie und Tiefe macht sie anderen Menschen Mut. Die Tiefe liegt vor allem im Blick ihrer braunen Augen und ihrer Fähigkeit zuzuhören und ganz still zu werden. Sie lässt andere einfach sein, beurteilt nicht und findet die richtigen Worte. Auch dann, wenn man über die Ursachen der modernen Krankheit Krebs spricht: „Dass sich Zellen so teilen, wie in unserer westlichen Welt gibt es nirgendwo sonst. Tagtäglich führen wir Gifte zu uns, über Nahrung und Kosmetik zum Beispiel. Und schau mal, von wie vielen W-Lan-Netzwerken wir umgeben sind. Strahlungen verändern unsere DNA und wenn dann noch ein seelischer Konflikt dazu kommt, dann passiert solch eine Zellteilung.“ Merle glaubt, dass die Unzufriedenheit mit sich selbst typisch für unsere Gesellschaft ist. Sie spricht von dem Wenn-Dann-Prinzip: Wenn ich abnehme bin ich attraktiver oder wenn ich mit dies oder jenes leisten kann, bin ich angesehener. „Nein!“ ruft sie laut und klopft sich dabei mit flachen Händen auf beide Oberschenkel. „Wir haben nur einen Körper und wir sollten ihm jeden Tag dankbar sein, dafür dass er uns herumträgt.“  Merle ist dankbar,  auch wenn große Narben ihren Körper zieren, die wie Symbole für sie sind.

Dankbar ist sie, auch wenn der Krebs ihr die Möglichkeit genommen hat, jemals selbst Kinder zu bekommen. Fast locker geht sie damit um und erzählt von ihrer kleinen Nichte, die ihr so ähnlich ist: „Ich kann doch die weltbeste Tante sein und vielleicht bin ich irgendwann Mutter, ohne ein Kind selbst auf die Welt zu bringen.“ Wenn sie das sagt, strahlt sie wieder und im Hintergrund singt Asif Avidan one day, baby we´ll be old.

Mehr von Merle Zirk gibt es unter: happygoluckyme.com

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