Menko

Freilich muss die erste Geschichte auf diesem frisch geschlüpften Blog ein Gemeinschaftswerk meiner Tochter und mir sein. Nora hat sich die Einleitung ausgedacht und ich habe die Geschichte vom kleinen Drachen Menko weitergespinnt …

Zornig stieß der kleine Drache Menko eine seiner letzten Flammen aus. Seine Nasenlöcher bebten. Seit Stunden hing er schon hier fest und ihm wurde langsam kalt. Drachen hatten zwar eine schützende Fettschicht, aber wenn das Feuer in ihnen immer weniger wird, nützt auch die allerdickste Fettschicht nichts mehr – gerade jetzt im Winterwald in Südschweden. Es war zum Verzweifeln. Wie konnte er nur in diese Falle hineingeraten? Der gemeine Troll Wuck hatte ihn mit einem Zauberspruch an eine der dicken Eichen fest gebunden. Menko konnte sich kaum einen winzigen Millimeter bewegen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich seinem Schicksal zu fügen. Sein Zorn wich tiefer Traurigkeit und ihm kullerten dicke Tränen die Wange hinunter. Er lehnte sich an die Eiche, die auch gleichzeitig sein Gefängnis war – und dann kam ihm die Idee. Nora!

Nora war seine kleine Freundin, sie hatten sich im vergangenen Sommer hier im Wald kennen gelernt und waren gleich Freunde geworden. Sie lebte zwar in Deutschland, aber wenn eine den Zauberspruch brechen kann, dann war sie es. Wie gut, dass die beiden im Sommer sich täglich in Telepathie geübt hatten und dank ihrer Freundschaft auch über die weite Entfernung mindestens einmal in der Woche Gedanken austauschten. Fast hätte er einen Freudensprung gemacht, wenn nicht das unsichtbare Band der gemeinen Verzauberung ihn auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hätte. Er atmete also ein paar Mal kräftig ein und aus – ganz bedacht darauf, nicht das allerletzte Feuer versehentlich zu verschwenden – und versuchte Nora in Gedanken zu erreichen.

Weil ihre Freundschaft so stark war, klappte es auch auf Anhieb. Nora empfing Menkos Gedanken mühelos. Sein Hilferuf ließ sie eilig zu ihrer Mutter rennen, die gerade dabei war Buchstaben an Buchstaben zu reihen. „Mama, wir müssen sofort nach Südschweden!“ Die Mutter schaute überrascht von ihrer Arbeit hoch, jetzt war ihr vor Schreck das e hinunter gefallen. Was sehr ärgerlich war, denn das kleine e ist eines der wichtigsten Buchstaben überhaupt. Zumindest in der deutschen Sprache. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie unglaublich phantasielos die Sprache ohne e sei, wie leer die Buchseiten und wie komisch die Worte klängen … „Was willst du denn in Südschweden? Hilf mir lieber das e wieder zu finden“, rief Noras Mutter und krabbelte auf allen vieren über das Gras um den verlorenen Buchstaben zu finden. „Unglaublich, Mama versteht ja rein gar nichts“, dachte Nora und rief jetzt schon ungeduldig: „Mama, Menko ist in Gefahr und wenn ich ihn nicht befreie, wird der Troll Wuck ihn für immer gefangen halten!“ Jetzt unterbrach die Mutter ihre Suche und setzte sich auf. Sie hatte den Ernst der Lage erkannt und eilte, sich die Hände an der Hose von Schmutz befreiend, nach drinnen, um im großen Hexenbuch nach der Anleitung der für die Teleportation zu suchen. Teleportation war nämlich eine knifflige Angelegenheit, die auch nur von Veganern beherrscht werden kann und damit man nicht versehentlich ganz woanders raus kam, wo man eigentlich ursprünglich hin wollte, musste man sich an einige Regeln halten. Sicher ist sicher. Als die Mutter die richtige Stelle in dem Buch gefunden hatte, las sie laut vor: „Jede Person muss vor Antritt der Reise mindestens ein Liter Wasser getrunken haben. Die Personen müssen sich an den Händen halten und gegenseitig in das linke Auge blicken. Die Personen müssen …“ Weiter kam sie nicht. „Ja, ja, ich weiß schon“, rief Nora nun noch ungeduldiger, als sie ohnehin schon war. Sie ergriff die Hände ihrer Mutter und sie bauten gemeinsam die Reisespähre auf.

Nach ein paar Sekunden waren sie genau dort, wo sie hin wollten. Der kleine Drache Lenko schrie vor Freude laut auf, nur um sich gleich wieder den Mund zuzuhalten. Wenn der Troll Wuck das mitbekommt. „Das ging ja schnell“, sprach Menko jetzt leiser und freute sich riesig. Nora fiel ihrem großen Freund in die Arme. Komisch war es schon den Drachen Menko jetzt so hilflos dasitzen zu sehen und sie erinnerte sich an die vergangenen Sommerferien, die sie meistens auf Menkos Rücken in schwindelerregenden Höhen verbracht hatte. Nun ja, hilft alles nichts, der kleine Drache musste jetzt dringend befreit werden, bevor der böse Troll Wuck auftauchte. Nora schloss also ihre Augen, griff nach ihrem Zauberstab und rief mit kräftiger Stimme: „Simsalabim!“ Kaum hatte sie den Zauberspruch ausgesprochen, war Menko befreit. Jetzt konnte er wirklich einen Freudensprung tun. Welch eine Wohltat! Die drei machten sich schnell aus dem Staub und lachten gemeinsam über die erfolgreiche Befreiung.

Und die Moral von der Geschicht? Auch große Probleme lassen sich manchmal durch ein einfaches „Simsalabim“ lösen.